Interview mit CEO und Gründer Henning Hollburg

Targomo unterstützt Unternehmen bei der Suche nach dem perfekten Standort

Die Mission von Targomo ist klar: Das SaaS-Unternehmen mit Sitz in Berlin vereinfacht Standortentscheidungen und das schneller, intelligenter und präziser als je zuvor. Mit seiner All-in-One-Plattform für Location Intelligence unterstützt es Kunden dabei, das volle Potenzial ihrer Netzwerke auszuschöpfen und fundierte Expansionsstrategien zu entwickeln. IN.PUNCTO sprach mit CEO und Gründer Henning Hollburg über seine Anfänge, prägende Erfahrungen und warum Standortentscheidungen komplex sind.
 

Henning Hollburg
CEO & Gründer von Targomo

Wie kam es zur Gründung von TARGOMO?
Ich kam aus Karlsruhe nach Potsdam und habe angefangen dort „Geoinformation und Visualisierung“ zu studieren. Wohnen wollte ich allerdings in Berlin. Um eine passende Wohnung zu finden, begann ich mich intensiv mit Routingalgorithmen und dem Thema Erreichbarkeit zu beschäftigen. Schließlich habe ich im Rahmen meiner Masterarbeit eine Applikation entwickelt, mit der man Angebote von Immobilienscout in Abhängigkeit ihrer Erreichbarkeit zu frei wählbaren Punkten filtern konnte. Diese Arbeit hat etwas Aufmerksamkeit erzeugt und war gewissermaßen der Startschuss zur Gründung.


Hat der Name Targomo eine besondere Bedeutung?
Die Namensfindung war tatsächlich eine der herausforderndsten Aufgaben bei der Unternehmensgründung, da die Auswahl aufgrund vieler Einschränkungen und Anforderungen sehr begrenzt ist.  Letztlich haben wir uns für Targomo entschieden. Der Name ist angelehnt an „Target“, „Go“ und „Motion“. Eine Anspielung an die Idee, Standorte unter Berücksichtigung der menschlichen Bewegung zu bewerten und zu finden. 


Wie hat sich die Datenerhebung in der nunmehr zehnjährigen Unternehmensgeschichte verändert?
Am Anfang haben wir uns vor allem mit direkten Routingfragen beschäftigt und haben ausschließlich mit offenen Daten gearbeitet. Später kamen dann auch soziodemographische Daten dazu, die wir von verschiedenen Anbietern lizenziert haben. In den letzten Jahren haben Bewegungsdaten von Fußgängern und Kraftfahrzeugen stark an Bedeutung gewonnen. Hier verantworten wir große Teile der Datenverarbeitung selbst und lizensieren diese Daten auch.

 

Für welche Anlässe kann man die Technologie von Targomo nutzen?
Der ursprünglich angedachte Anwendungsfall von Targomo spielt immer noch eine wichtige Rolle. Es gibt viele Immobilienportale die Targomo in ihre Angebote einbinden, um ihren Nutzern ein besseres Produkt zu bieten. In den letzten Jahren hat aber die Standortplanung für Filialisten Überhand genommen. Die meisten Kunden von Targomo nutzen unsere Software, um das Potenzial neuer Standorte abzuschätzen. Verwandte Themen wie Whitespotanalysen, Standortverlagerungen oder Standortoptimierungen sind ebenfalls Nutzungsgründe.
 

An welche Zielgruppen richtet sich das Dienstleistungsangebot?
Die meisten unserer Kunden sind im weitesten Sinne Filialisten, die versuchen durch uns neue Standorte zu identifizieren und eine Argumentations- und Datengrundlage für interne Prozesse zu erhalten. 


Soll der Kundenkreis künftig erweitert werden?
Im öffentlichen Sektor und auch in der Immobilienwirtschaft stellen sich vergleichbare Fragestellungen. Hier würden wir gerne unseren Kundenkreis erweitern. Auch ist unsere Software international nutzbar. Leider gestaltet sich der Marktzugang in andere Länder und Branchen bislang noch sehr schwierig.
 

Im Jahr 2023 wurde Targomo von CASAFARI übernommen. Was waren die Gründe und welche Auswirkungen hat die Transaktion auf die Ausrichtung des Unternehmens?
Das Jahr 2022 war branchenweit ein schwieriges Jahr, auch für Targomo. Der Krieg in der Ukraine, die Inflation und die Zinsen hatten einen großen Einfluss sowohl auf uns und als auch auf viele unserer Kunden. Unter das Dach der deutlich größeren CASAFARI Gruppe zu schlüpfen, hat uns die Ruhe gegeben, die wir brauchten, um das Unternehmen weiterzuentwickeln. Inhaltlich ist es so, das CASAFARI von den Geodaten und der Geo-Expertise von Targomo profitiert. Targomo profitiert andersherum von den Immobiliendaten und der Expertise von CASAFARI. Durch die Integration der Immobiliendaten können wir unseren   Kunden zusätzliche Mehrwerte bieten.
 

Welche Grenzen werden durch Datenschutz- und KI-Richtlinien gesetzt?
Für Targomo geht es an keine Stelle darum Informationen über individuelle Personen zu ermitteln. Daher kommen wir seltener mit Datenschutzthemen in Berührung als man es auf den ersten Blick vielleicht vermuten würden.
 

Wie und in welchem Umfang wird KI genutzt?
Wir benutzen bereits seit vielen Jahren Methoden des maschinellen Lernens. Typischerweise bekommen wir von unseren Kunden eine Liste von Standorten mit den relevanten KPI. Wir finden dann heraus, welche Umgebungsfaktoren für Erfolg oder Misserfolg der Standorte entscheidend sind. Weiterhin trainieren wir auf diese Weise Modelle, mit denen man präzise die Performance neuer Standorte vorhersagen kann. Diese Modelle machen wir dann zur einfachen Nutzbarkeit über unsere Software LOOP verfügbar. So brauchen unsere Kunden nur noch eine Adresse einzugeben, um nicht nur eine Umsatzschätzung zu bekommen, sondern auch um zu erfahren, welche Faktoren den jeweiligen Standort auszeichnen.
 

Vor welchen Herausforderungen stehen Unternehmen heute bei der Standortwahl?
Es geht natürlich darum, Standorte zu finden, die den größten „Return of Investment“ versprechen. Falsche Entscheidungen können sehr teuer sein oder viel Zeit kosten und sollten daher soweit wie möglich vermieden werden. Auch sind die Wachstumsanforderungen für viele Unternehmen sicherlich gestiegen. Um beidem gerecht zu werden, muss so viel wie möglich automatisiert bzw. digitalisiert werden. Außerdem wird erwartet, dass Unternehmensentscheidungen datenbasiert getroffen bzw. unterstützt werden. Standortentscheidungen werden deshalb immer weniger nach dem Bauchgefühl getroffen, wodurch unser Dienstleistungsangebot natürlich an Attraktivität gewinnt. 
 

Sind die Risiken von Standortentscheidungen gestiegen?
Mein Eindruck ist, dass die Wachstumsgeschwindigkeit und auch die Entwicklung neuer Konzepte und Trends zugenommen haben. Damit gehen natürlich auch höhere Risiken einher, die jedoch durch die heutige Datenverfügbarkeit reduziert werden können.

 

Das Konsumentenverhalten hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt. Wie sollten Unternehmen auf die neue Volatilität reagieren?
Viele Innenstädte, Shoppingcenter oder Fußgängerzonen haben durch Trends wie Homeoffice oder Online-Shopping für Konsumenten an Bedeutung verloren. Andererseits zeigen Branchen wie Fitness oder Gastronomie eine vergleichsweise hohe Dynamik. Persönlich denke ich, dass sich der Bedarf abseits der Innenstädte verlagern wird. Die Leute verbringen mehr Zeit zuhause und bevorzugen es daher die Angebote in Wohnortnähe zu haben. Damit werden wieder Lagen interessant, die in den Jahren vor Corona eigentlich an Bedeutung verloren hatten.

Fehlt es dem Standortmanagement häufig an Agilität?
Das kann man so pauschal nicht sagen. Ich finde, dass sich in den letzten Jahren sehr viel getan hat. Das bereits erwähnte Bauchgefühl war vor 10 Jahre noch allgegenwärtig und ist heute eher selten ein Anmietungsgrund. Mein Eindruck ist, dass die Entscheidungsfindung in vielen Unternehmen effizienter geworden ist. Hier hilft sicher auch, dass sich datengestützte Ansätze durchsetzen, wodurch weniger subjektive und langwierige Diskussionen entstehen.


Inwieweit können durch eine professionelle Datenanalyse Standorte generell für Unternehmen und Anwohner attraktiver werden?
Vor allem dadurch, dass Mittel und Ressourcen sinnvoller eingesetzt werden können. Das Risiko für Fehlentscheidungen sinkt. Die Angebote können sich stärker auf die Bedürfnisse von Kunden und Unternehmen ausrichten. Allerdings sind die Interessen von Unternehmen und Anwohnern natürlich nicht immer im Einklang.
 

Gibt es ein Projekt oder Auftrag, auf den Sie besonders stolz sind?
Wir haben vor kurzem eine schöne Auswertung von touristischen Passantenströmen in Deutschlands Metropolen gemeinsam mit der ZEIT gemacht. Die Analysen und Auswertungen sind sehr schön geworden. Als studierter Kartograph freue ich mich natürlich immer darüber, wenn Geodaten informativ und ansprechend dargestellt werden.

Z+ Artikel:  "Das sind die touristen(freien) Regionen in den Metropolen”

Welche Herausforderungen gibt es bei der Verarbeitung großer Mengen räumlicher Daten?
Die Herausforderungen sind vielseitig. Ich würde jedoch die Qualitätssicherung und die Prozessierungsanforderungen besonders herausstellen. Bei der Datenflut müssen wir immer aufpassen, dass wir die Spreu vom Weizen trennen. Meine Kollegen machen da aber einen tollen Job. Was die Verarbeitung anbelangt, haben wir uns früh gegen die klassischen Cloudinfrastrukturen entschieden und auf eigene Cluster gesetzt. Heute erlaubt uns dieser Ansatz überhaupt erst diese gewaltigen Datenmengen zu vertretbaren Kosten zu verarbeiten.
 

Wo ziehen Sie die Grenze zwischen „maschineller“ Empfehlung und menschlicher Entscheidungskompetenz – und wie verhindern Sie, dass Nutzer Ihre Analysen fehleinschätzen?
Durch unsere schnellen Analysen erlauben wir unseren Kunden, sich auf die schwierigen Fragestellungen zu fokussieren. Das, was man mit Daten lösen kann, nehmen wir ihnen ab. Sie können sich dann auf das konzentrieren, wo eine menschliche Entscheidungskompetenz nötig ist. So entstehen optimale Ergebnisse.

Welchen Rat würden Sie jungen Gründer im Tech-Bereich geben?
Das Wichtigste sind die Leute, mit denen ihr zusammenarbeitet. Das gilt für Mitarbeiter, Partner, Investoren oder Kunden. Wirklich alle. Früher oder später werdet ihr wirklich schwierige Probleme haben, die ihr irgendwie gemeinsam lösen müsst. 
Zu Beginn hat mir auch mal jemand gesagt, dass die Unternehmensgründung wie eine Wanderung durch einen dunklen Wald ist. Geht lieber etwas vorsichtiger Schritt für Schritt voran. Sonst rennt ihr irgendwann mit voller Wucht vor einen Baum. Da musste ich später öfter dran denken.
 

 

 

Diesen und weitere Artikel finden Sie in der aktuellen Ausgabe unseres Kundenmagazins: IN.PUNCTO NO. 28

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