Das „S“ in ESG
Transiträume Berlin verfolgt das Ziel, kulturelle Zwischennutzung für leerstehende Immobilien zum (Berliner) Standard zu machen und so die Lebensqualität in der Hauptstadt nachhaltig zu fördern. Dazu vermittelt der ehrenamtlich tätige Verein zwischen Kreativen, Inhabern von Immobilien und der Politik. IN.PUNCTO sprach mit, Moritz Tonn. stellvertretender Vorstandsvorsitzender und Geschäftsstellenleiter von Transiträume e.V. darüber, warum Leerstand nicht Stillstand bedeuten muss.
Wie ist die Idee für Transiträume entstanden?
Die Idee für Transiträume entstand bereits 2017 aus einem Zusammenschluss von drei Projektentwicklern und einem Netzwerker: Mathias Groß (damals Standortleiter Berlin bei PANDION), Christopher Weiß (Geschäftsführer von Glockenweiß), Alexander Harnisch (Geschäftsführer von Diamona & Harnisch) und Alexander Wolf (damals Geschäftsführer, heute Vorstandsvorsitzender der Stiftung Außergewöhnlich Berlin).
Die Projektentwickler hatten zuvor vereinzelt Zwischennutzungen ermöglicht. Auf Initiative von Alexander Wolf beschlossen sie, ihre Kräfte zu bündeln und eine Plattform zu schaffen, auf der Immobilienentwickler ihre Freiflächen kostenfrei zur Verfügung stellen können, damit Kulturschaffende diese für ihre Projekte nutzen.
Daraus entstanden die ersten Pilotprojekte – darunter The Haus (2017) und WANDELISM (2018) – die mit ihrem Erfolg international Aufmerksamkeit erlangten. Bis 2021 fanden dann unterschiedlichste Piloten statt, bis sich die Idee von Transiträume in der Branche verfestigt hatte und offiziell in Form eines Vereins verstetigt werden konnte. Seither ist Transiträume e.V. die Plattform, die Freiflächen schnell, einfach und effizient mit innovativen Nutzungskonzepten zusammenbringt und als Schnittstelle zwischen Immobilienwirtschaft, Kunst, Kultur und Kreativwirtschaft im deutschsprachigen Raum fungiert.
Wie funktioniert die Zwischennutzung leerstehender Immobilien?
Zwischennutzung funktioniert in einem klaren Ablauf: Eigentümer:innen stellen uns ihre leerstehenden Flächen zur Verfügung, die wir auf unserer Webseite präsentieren und worauf sich Nutzende mit ihren Konzepten bewerben können. Transiträume prüft die eingereichten Projektideen auf Machbarkeit und stimmt sie mit den Eigentümer:innen ab. Anschließend organisieren wir einen Besichtigungstermin, bei dem sich beide Seiten persönlich kennenlernen. Wenn danach weiterhin Einigkeit besteht, geht es in die Aushandlung der Nutzungsvereinbarung. Dafür stellen wir erprobte Blanko-Nutzungsvereinbarungen bereit und beraten bei Bedarf beide Seiten. Wichtig ist: Transiträume ist kein Nutzer, sondern ausschließlich Vermittler. Sobald die Vereinbarung steht, begleiten wir das Projekt kommunikativ – über unsere Netzwerke, Social Media und durch unser eigenes Format „STADT/GESPRÄCH“, das wir direkt im neuen Projekt stattfinden lassen. So entsteht ein strukturierter Prozess, der Leerstände aktiviert und gleichzeitig Vertrauen zwischen Eigentümer:innen und Nutzenden schafft.
Was ist die Motivation, sich ehrenamtlich für Transiträume zu engagieren?
Die Zukunftsfähigkeit unserer Städte entscheidet sich daran, wie wir mit der Ressource Stadtraum umgehen – denn sie ist endlich. Zwischennutzung ist ein Werkzeug, das Leerstand in lebendige Orte verwandelt und mehrere Ebenen berührt: Sie macht Städte attraktiver für den Tourismus, stärkt das Gemeinschaftsgefühl in den Quartieren und gibt der Immobilienwirtschaft die Möglichkeit, schon in der frühesten Projektphase eine Öffentlichkeit für den Standort zu schaffen, ESG-konforme Inhalte zu generieren und Verantwortung zu übernehmen. Für mich ist sie damit ein genauso prägender Treiber unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens wie Kunst und Kultur.
Wie kann man sich bei Transiträume engagieren?
Wir brauchen eine Kultur der Zwischennutzung – nur so entsteht echter Impact und nachhaltiger Mehrwert für uns alle. Engagement lebt davon, dass möglichst viele mitmachen: Besuchen Sie die Projekte, reden Sie darüber und geben Sie vor Ort bewusst Geld aus. Jedes Ticket, jedes Getränk, jeder Eintritt hilft – denn Zwischennutzungen sind keine Gelddruckmaschinen, sondern Katalysatoren der Lebensfreude, der Kreativität und des Miteinanders. Jede und jeder, der sich engagiert, tut das aus Überzeugung und mit viel Herz. Bringen Sie eigene Flächen oder Ideen ein, werden Sie Mitglied, wenn Sie Eigentümer:in sind – und fordern Sie von Ihrer Stadt, dass Zwischennutzungen und Pioniernutzungen fester Bestandteil der Stadtentwicklung werden. Wer jetzt handelt, verwandelt Leerstand in gelebte Stadtkultur.
Müssen Flächen bestimmte Voraussetzungen erfüllen, um für Transiträume geeignet zu sein?
Grundsätzlich gilt: fast jede Fläche kann zwischengenutzt werden. Die einzigen Voraussetzungen sind, dass keine Nutzungsuntersagung vorliegt, dass Wasser und Strom verfügbar bzw. aktivierbar sind und dass keine gesundheitsgefährdenden Mängel wie Schimmel bestehen. Alles darüber hinaus lässt sich mit Kreativität, passenden Nutzenden und pragmatischen Vereinbarungen lösen. Genau darin liegt ja die Stärke von Zwischennutzungen – sie machen aus scheinbar unattraktiven Leerständen produktive, lebendige Orte. Und aus Erfahrung kann ich sagen: ich bin immer wieder überrascht, wie oft beim Matching von Fläche und Konzept ungeahnte Möglichkeiten entstehen. Am Ende geht es auf der Immobilienseite darum, Räume zu öffnen. Was in ihnen stattfindet, obliegt der Kreativität der Nutzenden – und die ist großartigerweise nahezu unerschöpflich.
Wie wird das kulturelle Potenzial einer Immobilie geprüft und werden vom Verein auch Nutzungskonzepte erstellt?
Das kulturelle Potenzial einer Immobilie prüfen wir gemeinsam mit unseren Mitgliedern respektive mit deren Vertrieb, Marketing oder Standortleiter:innen und arbeiten es in Form einer strategischen Implementierung des Themas „Zwischen- & Pioniernutzung" auf. Dieser Abgleich gehört zu den Kernleistungen des Vereins und ist im Mitgliedsbeitrag enthalten.
Darüber hinaus kann Transiträume e.V. auch weitergehende Leistungen erbringen, wie etwa die Entwicklung eines maßgeschneiderten Nutzungskonzepts für ein konkretes Grundstück, die Ausarbeitung einer Gesamtstrategie, das Brand Design, die außenkommunikative Begleitung, Lobbying und Networking oder auch Eventplanung, Eventbetrieb und ESG-Reporting. Solche Leistungen gehen über die reine Vereinsarbeit hinaus und müssen daher separat beauftragt und vergütet werden.
Wie werden die passenden Umsetzungs-Partner gefunden und wie kann die Rechtssicherheit gewährleistet werden?
Passende Umsetzungs-Partner werden bei Transiträume vor allem über unser Netzwerk gefunden. Der effizienteste Weg ist und bleibt die persönliche Empfehlung – egal ob von Eigentümer:innen oder von Nutzenden. Wie in jedem Geschäft gilt: Wenn mir ein:e Kolleg:in eine:n Partner:in empfiehlt, bin ich offener, als wenn ich per Kaltakquise angesprochen werde. Wer also Partner:innen sucht, sollte zuerst sein eigenes Netzwerk aktivieren und sich umhören. Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl von Anlaufstellen und Multiplikator:innen im deutschsprachigen Raum, über die entsprechende Partner:innen akquiriert werden können. Hierzu zählen beispielsweise die Kreativen Räume Wien, das Netzwerk Zwischennutzung aus Deutschland (die auch beste Verbindungen nach Österreich haben) oder die international Plattform Placemaking Europe, die sogar weltweite Partnerschaften pflegen.
Jede Zwischen- oder Pioniernutzung ist zudem ein „Dritter Ort“ – ein Ort des Austauschs zwischen Immobilienwirtschaft, Kultur, Stadtgesellschaft und Wirtschaft. Projekte wie das Art Base Festival in Berlin oder die Parallel Vienna zeigen, wie stark solche Formate neue Partnerschaften hervorbringen. Diesen Multiplikator-Effekt nutzen wir gezielt, indem wir ergänzende Netzwerkveranstaltungen in den Projekten schaffen, potenzielle Partner:innen einladen und unser Versprechen faktisch erlebbar machen.
Rechtssicherheit gewährleisten wir durch erprobte Blanko-Nutzungsvereinbarungen, die wir unseren Mitgliedern kostenfrei zur Verfügung stellen, und durch ergänzende Vertragswerke – etwa beim Thema temporäres Wohnen. Transiträume begleitet beide Seiten beratend, achtet auf Haftung, Versicherungen und Genehmigungen und sorgt so für einen klaren Rahmen. Die eigentliche Nutzungsgenehmigung liegt jedoch bei den Nutzenden. Wichtig dabei: Transiträume ist kein Nutzer, sondern Vermittler.
Wie bringt Transiträume private Eigentümer und Kulturschaffende zusammen?
Oft wird es so dargestellt, als stünden sich zwei Welten unversöhnlich gegenüber – hier die „knallharte“ Immobilienwirtschaft, dort die „freie“ Kreativszene. Dabei sind es genau diese beiden Bereiche, die unser gesellschaftliches Zusammenleben und die Entwicklung unserer Städte in einzigartiger Weise prägen.
Unsere Aufgabe bei Transiträume ist es, diese beiden Welten ins Gespräch zu bringen – als Vermittler und Übersetzer. Eigentümer:innen denken in Flächen, Sicherheit und Prozessen, Kulturschaffende in Ideen, Kreativität und Wirkung. Wir übersetzen die unterschiedlichen Logiken, nehmen die Ängste auf beiden Seiten ernst und schaffen Vertrauen. Wir begleiten den Prozess von der ersten Kontaktaufnahme über das Matching, von der strategischen Abstimmung der Ziele und Nicht-Ziele aller Parteien – im besten Fall mit Stadt oder Gemeinde am Tisch – bis zur Vereinbarung. So werden aus potenziellen Gegensätzen produktive Partnerschaften und aus Leerstand lebendige Orte.
Diese Brückenfunktion ist das, was Transiträume einzigartig macht.
Unterstützt Transiträume die Eigentümer bei einem Nachhaltigkeitsreporting?
Das eigentliche Nachhaltigkeitsreporting ist nicht Teil der allgemeinen Vereinsleistungen. Allerdings erhält jedes Mitglied zu Beginn der Mitgliedschaft eine Auflistung reportingfähiger Maßnahmen im Kontext von Zwischen- und Pioniernutzungen als Grundlage, um den Mehrwert solcher Projekte für ESG- und CSRD-Berichte sichtbar zu machen. Diese haben wir gemeinsam mit einem Mitglied von Transiträume, genauer gesagt der Nachhaltigkeitsabteilung eines international renommierten Wirtschaftsprüfungsbüros, ausgearbeitet.
Darüber hinaus bieten wir als buchbare Zusatzleistung eine gezielte Begleitung an. Dabei begleiten wir die jeweiligen Projekte dokumentarisch, arbeiten die relevanten Textbausteine für das Nachhaltigkeitsreporting auf und stellen diese den Mitgliedern zur Verfügung. So können Eigentümer:innen die Wirkung ihrer Zwischen- und Pioniernutzungen direkt und professionell in ihre Nachhaltigkeitsberichte integrieren.
Vermittelt Transiträume auch langfristige Nutzungen?
Bei Pioniernutzungen: ja! Während klassische Zwischennutzungen zeitlich befristet und bewusst temporär angelegt sind, verfolgen Pioniernutzungen das Ziel, eine langfristige Perspektive zu eröffnen. Sie sind stärker auf wirtschaftliche Tragfähigkeit ausgerichtet, und genau hier fokussieren wir uns im Nutzer:innen-Scouting auf die Kreativwirtschaft.
Wir setzen dabei auf flexible Modelle, die wir gemeinsam mit dem jeweiligen Mitglied entwickeln. Im Falle einer Pioniernutzung starten Nutzer:innen häufig mit einer kostenfreien Nutzung oder gegen Übernahme der Nebenkosten in den ersten drei Monaten, wechseln anschließend in eine umsatzbeteiligte Miete über drei bis sechs Monate und entwickeln sich schließlich zu einer regulären Miete. So können sich kreativwirtschaftliche Konzepte Schritt für Schritt etablieren und Eigentümer:innen gewinnen Planungssicherheit – und im besten Fall die Mieter:innen der Zukunft.
Wichtig ist aber: Transiträume ist kein Maklerbüro. Wir vermitteln keine klassischen Mietverträge, sondern schaffen einen Rahmen, in dem kreative und kreativwirtschaftliche Ideen erprobt werden können. Mit Pioniernutzungen geben wir innovativen Businessideen die Chance, sich von der temporären Nutzung in eine tragfähige, langfristige Lösung – und echte Zukunftsmietverhältnisse – zu entwickeln.
Warum ist die kulturelle Zwischennutzung leerstehender Immobilien sinnvoll?
Zwischen- bzw. Pioniernutzung fördert den Tourismus und die lokale Wirtschaft, ist ESG- und CSRD-reportingfähig, stärkt die kulturelle Identität, gibt soziokulturellen bedürfnissen Raum, unterstützt die Ziele der UN-Agenda 2030 (SDG 11), ermöglicht neue Wege der Leistungsphase 0 eines Bauprojekts, aktiviert ungenutzte städtische Räume, macht den Standort für alternative Zielgruppen zugänglich, verhindert den Verfall der Stadt und von Standorten, erhöht die Lebensqualität, trägt als „dritter Ort" zur Depolarisierung der Gesellschaft bei, stärkt lokale Wirtschaftssysteme, mindert oder verhindert sogar Vandalismus, steigert die Nachfrage nach lokalen Anbieter:innen und Dienstleistungen, fördert sektorübergreifende Zusammenarbeit, verbindet Immobilienwirtschaft, Kultur und Stadtverwaltung, ermöglicht neuen Kreativen einen niederschwelligen Einstieg, eröffnet Unternehmer:innen erschwingliche Räume für Experimente und Innovationen, schafft Räume für Interaktion, fördert Gemeinschaftsbildung und stärkt den sozialen Zusammenhalt.
Also ja - Zwischennutzungen sind sinnvoll.
Welche Vorteile bietet die kulturelle Zwischennutzung von leerstehenden Immobilien für Eigentümer und die Standorte?
Für Eigentümer:innen bedeutet kulturelle Zwischennutzung: Leerstand wird aktiviert, gepflegt und sichtbar. Sie verhindert Vandalismus, steigert die Sicherheit und schafft positive Kommunikation für das Objekt. Eigentümer:innen können über ESG- und CSRD-reportingfähige Inhalte dokumentieren, wie sie gesellschaftliche Verantwortung übernehmen, und zugleich neue Zielgruppen ansprechen. Mit Pioniernutzungen eröffnen sich zudem Perspektiven für langfristige Mietverhältnisse – auf Grundlage flexibler Modelle, die tragfähige Konzepte aus der Kreativwirtschaft heranführen.
Für Standorte bringt Zwischennutzung: mehr Frequenz, mehr Lebendigkeit, mehr kulturelle Vielfalt. Sie stärkt die Quartiere, gibt Nachbarschaften Orte des Austauschs und schafft neue kulturelle Identität. Temporäre Projekte mit Happening-Charakter kurbeln die lokale Wirtschaft und den Tourismus an – und befeuern damit sowohl das Standortmarketing von Immobilienunternehmen als auch das Stadtmarketing im Allgemeinen.
Gibt es bestimmte Kriterien, die Kulturschaffende erfüllen müssen, um die zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten zu nutzen?
Grundsätzlich gilt: die Hürden, um als Kulturschaffende:r eine Fläche über Transiträume zu nutzen, sind bewusst niedrig. Unser Ansatz lebt von Vielfalt, Offenheit und Experimentierfreude - wir möchten Möglichkeitsräume schaffen und nicht ausschließen. Entscheidend ist, dass eine Idee machbar ist, dass sie verantwortungsvoll umgesetzt werden kann und dass sie zu den Zielen und Nicht-Zielen aller Beteiligten passt. Das bedeutet: wir prüfen nicht, ob ein Projekt „groß genug“ oder „künstlerisch wertvoll“ ist, sondern ob es realistisch umsetzbar ist, keine Gefahren für Personen oder das Gebäude birgt und ob die Akteur:innen bereit sind, zuverlässig mit den Eigentümer:innen und - im besten Falle auch - mit der Gemeinde oder der Stadt zusammenzuarbeiten. Das gilt natürlich auch umgekehrt: sind die Eigentümer:innen oder die Verwaltung offen genug, um mit den Nutzenden zusammenzuarbeiten. Alles Weitere - von der Ausstattung über die Dauer bis hin zur Kommunikation - lässt sich gemeinsam gestalten. Diese Offenheit macht Zwischen- oder Pioniernutzungen so besonders: sie erlauben es, dass auch kleinere Kollektive, junge Initiativen oder einzelne Kreative Zugang zu Flächen erhalten, die ihnen auf dem klassischen Immobilienmarkt - vor allem finanziell gesehen - nie offenstehen würden. Gerade weil unser Verein als Vermittler und Übersetzer auftritt, werden Ängste abgebaut, Prozesse strukturiert und klare Rahmenbedingungen geschaffen. So können selbst aus den unkonventionellsten Ideen produktive, inspirierende und sichere Nutzungen entstehen.
Wird die kulturelle Zwischennutzung leerstehender Immobilien von der Politik ausreichend unterstützt?
Nein, bisher wird Zwischennutzung von der Politik nicht ausreichend unterstützt. Der entscheidende Erfolgsfaktor von Zwischen- und Pioniernutzungen ist, dass sie Neues schaffen – und Neues bedeutet immer auch etwas Unbekanntes. Genau darin liegt die Herausforderung für Behörden: für Nicht-Bekanntes gibt es keine klaren Strukturen und Richtlinien. Doch wenn wir als Gesellschaft vorankommen wollen, brauchen wir genau diesen Freiraum.
Die Entwicklung einer Stadt oder einer Gemeinde ist das Spiegelbild ihrer Gemeinschaften. Raum ist eine der wertvollsten Ressourcen, die uns zur Verfügung steht. Ihn starr zu regulieren oder durch langwierige Verfahren faktisch zu blockieren, verhindert Innovation, Teilhabe und soziales Miteinander. Was wir stattdessen brauchen, ist mehr Flexibilität in der Stadtentwicklung: Spielräume, die es ermöglichen, ungenutzte Flächen temporär zu aktivieren, Experimente zuzulassen und neue Allianzen entstehen zu lassen.
Konkret heißt das: Wir brauchen eine bundesweit geltende, rechtliche Definition von Zwischennutzung, vereinfachte und gebündelte Genehmigungsprozesse, pauschale Rahmenlösungen für Haftung und Versicherung, städtische und regionale Zwischennutzungsagenturen, die aktiv vermitteln und Förderinstrumente, die Zwischennutzung als Teil von Stadtentwicklung anerkennen. Auch das Mitdenken von Zwischennutzung in Bebauungsplänen oder die Nutzung europäischer Hebel wie ESG sind wichtige Schritte und Werkzeuge.
Solange dieser Rahmen fehlt, bleibt Zwischennutzung von der Energie Einzelner abhängig. Wird dieser Rahmen aber geschaffen, gewinnen alle: Städte werden lebendiger, Eigentümer:innen erhalten aktivierte Standorte und die Gesellschaft bekommt die dringend nötigen Dritten Orte des Austauschs.
Treten Sie aktiv an Eigentümer leerstehender Immobilien heran?
Transiträume e.V. betreibt kein klassisches Standort-Scouting. Unsere Erfahrung zeigt, dass der direkte Weg über allgemein zugängliche Informationen oder standardisierte Ansprachen bei komplexen Eigentümerstrukturen häufig ins Leere läuft - vor allem, wenn man nicht zu den tatsächlichen Entscheider:innen durchdringt. Doch genau diese Ebene ist für eine erfolgreiche Zwischennutzung entscheidend, weil nur dort verbindlich über die temporäre Öffnung von Flächen entschieden werden kann.
Deshalb verstehen wir uns nicht als Kaltakquisiteur, sondern als Magnet: wir schaffen Sichtbarkeit, Relevanz und Vertrauen durch unser Netzwerk, durch erfolgreiche Pilotprojekte, persönliche Empfehlungen und durch gezielte Veranstaltungen wie unser Netzwerkformat „STADT/GESPRÄCH". Auf diese Weise treten die Entscheider:innen selbst an uns heran, weil sie erkennen, welchen Mehrwert Zwischennutzung für Immobilie, Standort und Unternehmen bieten kann. So stellen wir sicher, dass wir mit den richtigen Personen sprechen: jenen, die wirklich entscheiden können, und mit ihnen auf Augenhöhe nachhaltige Lösungen entwickeln.
Transiträume sorgt dafür, dass soziales und kulturelles Engagement der Immobilienbranche gemäß SDG11 besser gewürdigt wird. Welche Chancen ergeben sich daraus?
Zwischennutzungen eröffnen für Immobilienunternehmen gleich mehrere Chancen im Kontext von ESG und SDG 11. Leerstand wird nicht nur aktiviert, sondern in reportingfähige Maßnahmen übersetzt, die direkt in Nachhaltigkeitsberichte einfließen können - von niedrigschwelligem Zugang zu Kultur über die Unterstützung lokaler Gewerbe bis hin zur Revitalisierung von Innenstädten und der Stärkung des Sicherheitsgefühls durch belebte Flächen. Damit wird soziales und kulturelles Engagement nicht nur sichtbar - der Mehrwert wird auch messbar.
Für die Immobilienbranche bedeutet das: Sie kann konkrete Inhalte für CSRD-Reporting und Investorenkommunikation liefern, ihre ESG-Performance mit Substanz untermauern und sich gleichzeitig im Wettbewerb differenzieren. Zwischennutzungen wirken zudem risikominimierend, weil sie Vandalismus vorbeugen, lokale Wertschöpfung unterstützen und Teilhabe fördern. Und sie bieten eine neue Grundlage für Standort- und Stadtmarketing, das nicht nur von Visionen spricht, sondern gelebte Praxis vorweisen kann.
Für die Nutzendenseite bedeutet diese Entwicklung, dass ihre Projekte durch die ESG-Logik einen zusätzlichen Wert erhalten: allein ihre Existenz wird zu einem Produkt, das für Unternehmen ökonomisch relevant ist - etwa im Hinblick auf Kreditwürdigkeit, da Banken zunehmend Nachhaltigkeitsnachweise verlangen, wenn große Finanzierungen vergeben werden. Anders als bei klassischer Werbung, die inhaltlich in ein Projekt eingreift, bleibt das kulturelle oder soziale Programm hier unangetastet. Der Mehrwert entsteht allein dadurch, dass es stattfindet und dokumentiert werden kann - und genau das macht diese Art von Engagement für beide Seiten so zukunftsweisend.
Die eigentliche Chance liegt darin, Verantwortung nicht als Pflichtaufgabe zu verstehen, sondern als strategischen Mehrwert: Zwischennutzung macht sichtbar, dass Immobilienakteur:innen ihre Rolle als Mitgestalter:innen lebendiger Städte aktiv wahrnehmen – und damit einen Beitrag leisten, der wirtschaftlich wie gesellschaftlich trägt.
Gibt es Highlight-Projekte oder Veranstaltungen?
Ja, es gibt mehrere Leuchtturmprojekte, die zeigen, was Zwischennutzung kann. Mein persönlicher Einstieg war „WANDELISM" im Jahr 2018. Bei dieser Ausstellung auf ich Teil des Leading Teams und kam erstmals mit Transiträume in Kontakt. Zu dem Zeitpunkt war Transiträume noch eine Idee von drei Projektentwicklerunternehmen (PANDION, Diamona & Harnisch, Glockenweiss) sowie der Stiftung Außergewöhnlich Berlin.
Ein weiteres prägnantes Beispiel ist das „Lost Art Festival", das erst kürzlich in Berlinstattgefunden hat. Hier wurden für ein Wochenende alte Industriehallen und leerstehende Räume des Bauprojekts „Luxwerk" zu Orten für Kunst, Performance und Kulinarik. Die Verantwortlichen des Festivals Clara und Sven Sauer sind wahre Meister:innen ihres Fachs und zählen für mich zur absoluten Champions League, wenn es um Zwischennutzungen in und um Berlin geht. Ebenso beeindruckend war ihre Ausstellung The Dark Rooms Hotel, bei der sie ein verwaistes Hotel am Kurfürstendamm mit Licht- und Soundinstallationen auf mehreren Etagen für einige Wochen zu einer immersiven Kunsterfahrung gemacht habe.
Ein anderes Berliner Projekt, das in diesem Zusammenhang unbedingt genannt werden muss, ist das „ZIK - Zeit ist knapp" im ehemaligen Globetrotter in Berlin-Steglitz. Stellen Sie sich einen Ort vor, an dem man Rollschuhfahren kann, während man Konzerten beiwohnt, Kunstausstellungen genießt, Panels erlebt, Boxen lernt, Drohnen indoor fliegen lässt und gute Drinks zu sich nehmen kann. Wenn all das für Sie abstrus klingt: besuchen Sie das ZIK! Es ist nämlich all das dort vor Ort!
Wenn wir den Blick von Berlin abwenden wollen, sollten wir auf jeden Fall nach Bremen schauen. Die Hansestadt ist eine der Pionierinnen beim Thema Zwischennutzung in Deutschland und hat dank der ZwischenZeitZentrale Bremen und den dortigen Expert:innen einen hervorragenden Anlaufpunkt geschaffen, um Zwischennutzungen effizient und professionell in der Stadtentwicklung zu implementieren. Ein Beweis dafür ist das dort aktuell laufende Projekt „Wurst Case", bei dem eine ehemalige Wurstfabrik soziokulturell zwischengenutzt wird.
Und wenn wir schon da oben im Norden sind: auch die Hansestadt Hamburg hat mit dem JUPITER einen außergewöhnlichen Leuchtturm geschaffen, der seinesgleichen sucht! Die Kolleginnen und Kollegen der Kreativgesellschaft Hamburg (einer städtischen Anlaufstelle für innovative, junge, zukunftsweisende Akteur:innen aus Kreativwirtschaft, Kultur und Gesellschaft) haben im einstigen Karstadt Sport vis-a-vis des Hauptbahnhofs wirklich Großartiges geschaffen, aus dem spannende Konzepte hervorgegangen sind, die sich nunmehr als "zahlungsfähige Mieter:innen" im Hamburger Stadtzentrum niederlassen konnten - was ohne die "Starthilfe" einer kostengünstigen Ansiedlung im JUPITER-Projekt niemals möglich gewesen wäre.
Es gibt noch unzählige Projekte in Deutschland und Europa, die man an dieser Stelle nennen müsste: die Kreativen Räume Wien leisten außergewöhnlich tolle Arbeit, ebenso das Kulturraummanagement der Stadt Köln. Außerdem wären da noch Kreativ München, der Raumkompass in Nürnberg, die Maltfabrikken in Ebeltoft (Dänemark), das Straat-Museum in Amsterdam (wenn man das überhaupt noch als Pioniernutzung bezeichnen darf, da es schon fester Bestandteil des Stadtbilds ist), all die innovativen und großartigen Zwischennutzungen in London, Rom oder Paris, die BALE in Innsbruck, die Mural Harbor Gallery in Linz und vieles, vieles mehr.
All diese Projekte sind mehr als Veranstaltungen: sie sind Beweis dafür, wie leerstehender Räume sinnhaft, bereichernd und erlebbar aktiviert werden und wie Eigentümer:innen, Kulturschaffende und Standortinteressen in einem kreativen Schulterschluss gemeinsam Wirkung entfalten können.
Ist Transiträume auf den Berliner Markt beschränkt oder deutschlandweit aktiv?
Transiträume e.V. ist zwar in Berlin entstanden, aber nicht auf den Berliner Markt beschränkt. Der Verein ist mittlerweile deutschlandweit und neuerdings auch in Österreich aktiv. Wir verstehen uns als deutschsprachige Plattform, die Eigentümer:innen, Kommunen und Kulturschaffende miteinander verbindet und die Logik von Zwischen- und Pioniernutzungen in unterschiedlichen regionalen Kontexten anwendbar macht. Natürlich spielt Berlin mit seiner dichten Kulturszene und seinem dynamischen Immobilienmarkt weiterhin eine zentrale Rolle, aber die Herausforderungen von Leerstand, Transformationsprozessen und gesellschaftlichem Mehrwert sind überall ähnlich gelagert. Deshalb entwickeln wir unsere Arbeit bewusst überregional und bauen unser Netzwerk kontinuierlich auch über die Hauptstadt hinaus aus.
Wie ist die Vernetzung mit ähnlichen Institutionen?
Die Vernetzung mit ähnlichen Institutionen ist für Transiträume zentral, weil Zwischennutzung immer dann am besten funktioniert, wenn Wissen geteilt und Kräfte gebündelt werden. Wir stehen im engen Austausch mit kommunalen Zwischennutzungsstellen, internationalen Initiativen, Kulturvereinen sowie mit Netzwerken aus der Immobilienwirtschaft. Dabei verstehen wir uns nicht als Konkurrent, sondern als Plattform, die Brücken schlägt: zwischen regionalen Akteur:innen, zwischen Verwaltung und Immobilienbranche, zwischen Kultur und Stadtentwicklung. Dieser Austausch ist wertvoll, weil wir voneinander lernen, Best Practices adaptieren und gemeinsam Standards weiterentwickeln können - zum Beispiel in Fragen der Genehmigungslogik, der ESG-Reportingfähigkeit oder der Finanzierung von Projekten. So entsteht ein überregionales Netzwerk, das lokale Projekte stärkt und zugleich den Blick für die großen Transformationsfragen der Stadtentwicklung schärft.
Auf welches Netzwerk kann Transiträume allgemein zurückgreifen?
Transiträume kann auf ein starkes und breit gefächertes Netzwerk zurückgreifen. Dazu zählen ein paar wenige Künstler:innen (wenige deshalb, weil sich prinzipiell Jede:r auf die Flächen bei uns bewerben kann, auch ohne Mitgliedschaft) sowie unsere Mitglieder aus der Immobilienwirtschaft im gesamten, deutschsprachigen Raum, die ihre Flächen für soziale und kulturelle Projekte öffnen - wofür man im Übrigen Mitglied sein muss. Hinzu kommen unsere erweiterten Netzwerke von Kulturschaffenden aller Sparten und Unterstützer:innen aus den verschiedensten Branchen. Auf kommunaler Ebene arbeiten wir eng mit Städten und Gemeinden zusammen, die Zwischennutzung zunehmend als strategisches Instrument in ihrer Standortentwicklung einsetzen. Darüber hinaus pflegen wir enge Verbindungen zu Partnerinstitutionen wie der Clubcommission Berlin, Kreative Räume Wien oder der Hamburger Kreativgesellschaft, sowie zu Netzwerken aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Dieses Geflecht - und unsere Präsenz in den sozialen Medien - ermöglicht es uns, für jede Fläche die passenden Partner:innen zu identifizieren, Allianzen zu schmieden und Zwischennutzungen auf eine solide Basis zu stellen – sowohl wirtschaftlich als auch gesellschaftlich.
Wenn Sie auf die vergangenen Jahre seit der Gründung von Transiträume e.V. zurückblicken: Wie würden Sie die Entwicklung der Initiative beschreiben, und welchen Stellenwert werden derartige Initiativen zukünftig einnehmen?
Seit der Gründung von Transiträume e.V. hat sich die Initiative von einer visionären Idee aus Berlin zum Ansprechpartner Nr. 1 für die Immobilienwirtschaft in Puncto „Zwischen- & Pioniernutzung" im deutschsprachigen Raum entwickelt, die auch in der politischen Debatte ernsthaft wahrgenommen wird. In den vergangenen Jahren ist darüber hinaus deutlich geworden, dass Zwischennutzungen im gesellschaftlichen Diskurs angekommen und eben nicht nur kreative Experimente oder temporäre „Happenings“ sind, sondern ein strategisches Werkzeug für Stadtentwicklung, für das Standortmarketing und für die ESG-Positionierung.
Und zukünftig werden Initiativen wie Transiträume e.V. noch stärker an Bedeutung gewinnen. Angesichts von Leerständen, Transformationsdruck in der Immobilienwirtschaft und gesellschaftlichen Anforderungen an Nachhaltigkeit und Gemeinwohlorientierung braucht es Strukturen, die Flexibilität ermöglichen und zugleich Vertrauen schaffen. Zwischennutzungen werden - und davon bin ich überzeugt - zu einem festen Bestandteil urbaner. Der Stellenwert solcher Initiativen liegt darin, Brücken zwischen Branchen, Interessen und Communities zu bauen und damit Räume zu öffnen, die unsere Städte zukunftsfähig machen.
Spiegelt die Arbeit von Transiträume Berlin e.V. Ihrer Meinung nach derzeit den Zeitgeist wider?
Absolut! Und zwar mehrfacher Hinsicht: wir leben in einer Phase, in der urbane Räume neu gedacht und bestehende Strukturen flexibler genutzt werden. Zwischennutzungen sind ein Werkzeug, das Antworten auf gleich mehrere zentrale Fragen unserer Zeit liefert. Sie schaffen schnell und effizient die dringend benötigten, „dritten Orte", nach denen vielerorts so händeringend gesucht wird. Heutzutage geht es darum, kulturelle Sichtbarkeit zu schaffen, niederschwellige Teilhabe zu ermöglichen und zugleich einen Beitrag zu ESG-Strategien und nachhaltiger Stadtentwicklung zu leisten. All diese Themen sind hochaktuell und hinter all diese Themen kann das „Werkzeug Zwischennutzung" einen Haken setzen.
Der Zeitgeist fordert pragmatische Lösungen für komplexe Herausforderungen, und genau hier setzen wir an. Transiträume macht sichtbar, dass die kreative, gemeinschaftliche und nachhaltige Nutzung von Bestand nicht nur eine Übergangslösung ist, sondern ein Modell, das Zukunftsfähigkeit beweist. Damit stehen wir für eine Haltung, die den Wert von Raum neu definiert - nicht als bloßes Asset, sondern als Ressource für gesellschaftliche Innovation und Zusammenhalt.
Wie schätzen Sie die zukünftige Nachfrage nach kultureller Zwischennutzung ein – gerade vor dem Hintergrund sich verändernder Immobilien- und Büromärkte?
Die Nachfrage nach kulturellen Zwischen- und Pioniernutzungen wird in den kommenden Jahren weiter steigen. Die strukturelle Unterauslastung vieler Büroflächen, die Transformation ganzer Handelslagen und der wachsende Druck auf Städte, nachhaltige und flexible Nutzungskonzepte umzusetzen, schaffen einen neuen Bedarf an flexiblen und eben auch temporären Lösungen. Für Eigentümer:innen entstehen Chancen, ihre Objekte frühzeitig ESG- und CSRD-reportingfähig zu dokumentieren, Zielgruppen aus der Kreativwirtschaft und dem Tourismus anzusprechen und potenziell langfristige Partnerschaften über Pioniernutzungsmodelle aufzubauen. Für Städte wiederum sind solche Projekte ein entscheidender Hebel, um Lebensqualität, Teilhabe und Innovationskraft zu sichern. Vor diesem Hintergrund werden kulturelle Zwischennutzungen nicht nur als temporäre Zwischenschritte, sondern zunehmend als strategische Bausteine einer resilienten Stadt- und Standortentwicklung verstanden werden.
Diesen und weitere Artikel finden Sie in der aktuellen Ausgabe unseres Kundenmagazins: IN.PUNCTO NO. 28